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Tageseltern aus Wolfenbüttel fordern bessere Arbeitsbedingungen

04.12.2008
Die Tagesmütter aus Wolfenbüttel haben sich entschieden, nicht darauf zu warten, wie die gesetzlichen Änderungen 2009 ihr und das Arbeitsleben aller weiteren Tageseltern bundesweit beeinträchtigen wird. Mit einem Brief möchten sie durchsetzen, dass alle Tagesmütter und –väter in Deutschland eine anerkannte Berufsgruppe werden – mit akzeptablen Arbeitsbedingungen, Chancengleichheit und finanzieller Absicherung bzw. Lohnerhöhung:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit diesem Schreiben möchten wir uns als Tagesmütter aus Wolfenbüttel und Umgebung an Sie wenden, weil wir verschiedene Probleme ansprechen möchten, die dringend vor Beginn der neuen Regelung ab Januar 2009 geklärt werden müssen.

Die Besteuerung ab 2009 ändert sich für uns so gravierend, dass, wenn man alle Fakten zusammenzählt, ein Defizit sowohl finanziell aber auch von den Leistungen eintritt.

Die Betriebskostenpauschale, die um 50 € erhöht wurde (bei einem Ganztagesplatz), ist das Einzige, was uns Tagespflegepersonen (TPP) zwar zugute kommt, aber noch lange nicht ausreicht, um alle Kosten, die ab nächstem Jahr entstehen, abzudecken.

Für uns bedeutet das Folgendes:
Wir werden ab nächstem Jahr für alle Einnahmen versteuert, auch für die Einnahmen, die vom Jugendamt oder einem anderen öffentlichen Träger gezahlt werden, sowie etwaige Sozialabgaben. Allerdings reicht ein Stundensatz von derzeit 2,60 € bzw. 2 € für Betreuung im Haushalt des Kindes bei weitem nicht aus, um mit allen Abzügen noch einen ausreichenden Gewinn übrig zu haben und davon auch Rücklagen zu bilden, falls es mal zu einem Engpass in der Betreuung kommen sollte (es gibt starke und schwache „Nachfragemonate“, ganz zu schweigen davon, dass es für TPP auf dem Dorfe oder außerhalb des Zentrums von Wolfenbüttel noch schwieriger ist, Kinder vermittelt zu bekommen, da die Eltern die Fahrzeiten scheuen und oft nicht bereit sind, einen etwas längeren Weg in Kauf zu nehmen).

Außerdem ist für die Betreuung eines Kindes mehr nötig, als „nur nebenbei“ ein Kind zu betreuen und darauf zu achten, Sicherheit zu gewährleisten und dem Kind ein gutes Beschäftigungsangebot mit Lerninhalten zu bieten. Viele wichtige Anschaffungen, Umbaumaßnahmen, Einrichtungen usw. sind nötig, um ein Kind betreuen zu können. Ob es ein Spielzimmer inklusive Spielzeug ist, welches natürlich auch regelmäßig ausgetauscht bzw. ersetzt werden muss, Unfallsicherungen im Haushalt, Schlafplätze, Wickelplatz, Transportmöglichkeiten im Auto, Platz für die Mahlzeiten und die Mahlzeiten selber, Pflegemittel, Heizung, Strom, und Wasserkosten, Ausflüge, Reinigungskosten aller Art uvm. Dazu kommen Kosten für sämtliche Versicherungen wie Unfallversicherung, Haftpflicht, Hausratversicherung, evtl. Rechtsschutzversicherung, Krankenversicherung (wird noch näher beschrieben), Steuerberatung, Fortbildungsmaterial und Kurse usw. Auch wenn einige dieser Kosten anteilig vom Jugendamt mit übernommen werden, bedeutet dies dennoch einen gewissen zusätzlichen Kostenaufwand, der erstmal verdient werden muss bzw. übrig bleiben muss.

Ein weiteres Problem ist, dass unsere oftmals doch auch anstrengende und stressige Arbeit in der Öffentlichkeit „von vielen belächelt“ und als Tätigkeit für „nebenbei“, als „mal eben so“ oder „leicht verdientes Geld“ abgetan wird. Ist es das aber? Wir betreuen Kinder überwiegend im Alter von 0-3 Jahren oftmals auch noch darüber hinaus (also überwiegend ein Alter, wo noch die Gefahr des plötzlichen Kindstod besteht, wo die anstrengenden Zahnphasen kommen, die Trennungsangst/das Fremdeln ganz stark vorhanden ist, Schlafphasen noch nicht fest sind und auch noch kein fester Tagesrhythmus besteht oder sich aber ständig ändert usw.). Wir sind dabei völlig auf uns allein gestellt, denn ob wir ganz allein oder mit einem oder mehreren Partnern zusammenarbeiten, sind wir doch für die bei uns angemeldeten Kinder ganz allein verantwortlich und für das, was wir mit ihnen und für sie tun. Arbeitstage von 10-12 Stunden ohne größere Pausen sind die Regel und das für einen dürftigen Stundenlohn! Wir haben nicht die Möglichkeit, kleine Kaffeepausen einzulegen, bzw. Frühstücks- und Mittagspausen in Ruhe durchzuführen und zwischendurch auftanken bzw. auch mal abschalten zu können. Das bedeutet für uns letztendlich einen Allround-Job. Also nichts für nebenbei, sondern durchgehend eine hohe Verantwortung, die nicht danach fragt, ob es einem den Tag gut geht oder man jeden Tag gleich fit und kräftemäßig „durchpowern“ kann. Es darf kein Fehler passieren und es gibt hier niemanden, der als Unterstützung oder aushilfsweise dienen kann. In einer Krippe oder Kindertagesstätte trägt die Verantwortung die Einrichtung, wir müssen für uns selbst stehen und müssen die Verantwortung auf uns alleine nehmen, obwohl wir den gleichen Erziehungsauftrag haben. Das sollte mehr als 2,60 € die Stunde wert sein.
Unsere Leistung wird noch niedriger angesehen als die einer Reinigungskraft! Für eine Arbeit, die für unsere Kinder gedacht ist, aus denen verantwortungsbewusste, hilfsbereite und lebensfähige Menschen werden sollen, die wir ein Stück ihres Lebens begleiten dürfen. Sollte es da nicht mehr Anerkennung geben?

In anderen Städten und Landkreisen ist dies bereits der Fall, denn dort kümmert man sich um all die Belange und Bedürfnisse der TPPs. Als bekannt wurde, dass die Versteuerung und die Sozialversicherungspflicht kommen, hat man sich sofort für höhere Stundenlöhne eingesetzt bzw. ist noch dabei (siehe die beigefügten Auszüge aus der Braunschweiger Zeitung). Leider ist hier Wolfenbüttel immer noch Schlusslicht und es scheint auch zurzeit kein Interesse in dieser Hinsicht zu bestehen, obwohl letztendlich sich doch jede Stadt als familienfreundlich präsentiert. Nur leider sind wir nicht TPPs, die keine andere Arbeit finden würden oder sonst nichts besseres zu tun haben, als auf fremde Kinder aufzupassen und gleichzeitig auch noch mit geringem Geld auskommen können und wollen. Hier sind ganze Existenzen von abhängig. Wir sehen unsere Tätigkeit nicht als Nebenjob an, sondern als Beruf.

Durch diese neuen Umstände sind aber viele TPPs sehr verunsichert und machen sich Gedanken darum, dass ab 2009 finanzielle Einbußen zu befürchten sind und man vielleicht sogar Zuzahlungen leisten muss. Dadurch überlegen viele, ob diese Tätigkeit für sie überhaupt noch in Frage kommt. Schon jetzt hören immer mehr TPPs auf, weil sie keine Perspektive in diesem Beruf sehen. Das war bestimmt nicht das Ziel von Frau von der Leyen. Im Gegenteil, Tagespflege soll doch eine gute Alternative zu den öffentlichen Einrichtungen sein. Und das wird von vielen Eltern auch gut angenommen. Es entscheiden sich immer mehr Eltern für die Tagespflege und gegen öffentliche Einrichtungen, da dies für ihre noch sehr jungen Kinder eine individuellere und flexiblere Betreuung im familiären Stil bedeutet, die die Kinder in ihrem Alter dringend benötigen. Sollte hier nicht die Qualität mehr gelten als Quantität und eben diese Art der Betreuung noch viel mehr unterstützt werden, statt Krippen einzurichten, wofür die Gelder oftmals gar nicht reichen oder aber die Abläufe oftmals gar nicht funktionieren? Wozu bildet man weitere Tagespflegepersonen aus, wenn schon die bestehenden mit Betreuungsnachfragen Probleme haben und um weitere Nachfragen bangen müssen, weil das Jugendamt erst alle Krippen bestückt, bis sie an TPPs vermitteln?

Zusätzlich würden sich eigentlich viel mehr Eltern für TPPs entscheiden, wenn der Kostenfaktor nicht wäre. So kommt es immer öfter vor, dass Eltern schon gern eine TPP in Anspruch nehmen würden, sich aber letztendlich entweder für eine Krippenbetreuung entscheiden, weil es kostengünstiger ist, oder aber doch nicht wieder arbeiten gehen, weil es keinen Krippenplatz gibt und sie sich eine Tagespflegebetreuung nicht leisten können.

Sollte es keine Erhöhung der Stundensätze geben, so sind wir außerdem gezwungen, unsere Stundensätze selber zu erhöhen und dies auf die Eltern umzulegen. Dies würde eine Mehrbelastung zwischen 200-300 € für die Eltern bedeuten, damit wir alles auffangen können, was an Kosten auf uns zu kommt und wenigstens einen kleinen Anteil an Plus übrig haben zu können. Was bedeutet das aber für alle? Noch weniger Eltern können sich eine Tagespflege leisten, wir können dadurch keine Kinder mehr betreuen und müssen unseren Beruf aufgeben und uns nach einem anderen Job umsehen.
Ist das der Sinn der Tagespflege? Man reißt eigentlich Löcher auf, um sie an anderer Stelle zu flicken.
Einige Beispiele der höheren Kosten:
Tagespflegepersonen sind gezwungen, unter 355 € zu verdienen, weil sie sich sonst selbst krankenversichern müssen und nicht mehr, wie bisher die meisten, familienversichert bleiben können. Das bedeutet zusätzliche Kosten in Höhe von ca.140 € für diejenigen, die zwischen 355 € und 828 € (Mindestbemessungsgrenze) verdienen, denn alle, die darüber hinaus verdienen, müssen noch mehr für eine private Krankenversicherung bezahlen. Auch wenn das Jugendamt hiervon die Hälfte übernehmen würde, bedeutet das nochmals monatliche Kosten von wenigstens 70 € extra.
Nachdenklich stimmt uns der Umstand, dass wir die meisten Kinder gar nicht für längere Zeit betreuen können. Die meisten Eltern nehmen das erste halbe bis ganze Jahr Elternzeit, danach wird sich nach einer Betreuungsmöglichkeit umgesehen. Wenn diese dann gefunden wurde, in Form einer Tagespflegeperson, so bedeutet dies oft längere und anstrengende Eingewöhnungszeit, bis das Kind sich an die Pflegeperson, das neue Umfeld und evtl. andere Kinder gewöhnt hat. Hat man Kinder in die eigene Gruppe integrieren können, so bedeutet das oftmals aber, dass die Kinder nicht lange bleiben, weil kurzfristig ein Krippenplatz gefunden wurde, der natürlich „günstiger“ als die Tagespflegeperson ist und einen „besseren Übergang“ in den Kindergarten darstellt.
Hier besteht dringender Handlungsbedarf, damit die Eltern nicht allein aufgrund der Kostenunterschiede zwischen Krippe und Tagespflege auf das günstigere Modell umsteigen.
Für viele Kinder bedeutet eine Betreuung im kleinen Rahmen, wie in der Tagespflege gegeben, einen besseren Start und individuellere Betreuung als es für das Alter in der Krippe möglich ist. Bedingt dadurch, dass sowieso schon viele Krippenplätze geschaffen wurden und immer noch geschaffen werden, bedeutet dies für Tagesmütter eine immer schlechtere Nachfrage.

Wie sollen wir aber den monatlichen Gewinn errechnen und überblicken, ob wir über den Grenzen oder noch darunter liegen, wenn unsere Einkünfte ständig schwanken, weil immer Kinder kommen oder wieder gehen und kaum ein Kind über einen längeren Zeitraum bleibt? Es sei denn, die Kosten würden für die Eltern in der Tagespflege attraktiver gestaltet. Manche Kinder gehen sogar zeitgleich, was bedeutet, dass man auch mal für einen gewissen Zeitraum keine Betreuung hat. Wenn wir uns dann selbst krankenversichern, heißt das, dass die Kosten nur dann vom Jugendamt zur Hälfte übernommen werden, wenn wir auch betreuen, was passiert aber zu Zeiten, wo es keine durchgehende Betreuung gibt, weil die Kinder (z.B. im Monat August) in die Krippe oder den Kindergarten wechseln? Nicht immer hat man zu diesem Zeitraum das Glück gleich wieder andere Kinder betreuen zu können! Wer zahlt dann die Kosten, wer kommt dann für die Verdienstausfälle auf?

Wenn Anfragen vom Jugendamt oder Familienservicebüro für ein Tageskind kommen, werden die Telefonnummern der Tagespflegepersonen an die Eltern weitergegeben, worauf aber in den meisten Fällen nichts passiert und auch die Vermittler nicht erfahren, was letztendlich dabei rausgekommen ist. Es wäre hier doch wesentlich besser, wenn die Tagespflegepersonen selbst die Möglichkeit erhalten, sich mit den Eltern in Kontakt zu setzen, denn wenn Eltern Betreuung suchen, dürfte es kein Problem darstellen, wenn sich eine Betreuungskraft dort selbst meldet und sich gleich vorstellen kann. Dies muss schnellstens geändert werden.

Wir fordern daher Folgendes:
1. Die Anerkennung der Tagespflegepersonen als BERUF
2. Eine Betreuungskostenerhöhung auf mindestens 5 Euro pro Stunde, die auch so ausgelegt ist, dass sämtliche Kosten ohne Verluste aufgefangen werden können
3. Bessere Unterstützung durch das Jugendamt bzw. das Familienservicebüro in Form von Zuweisung von Tageskindern und Erlaubnis der persönlichen Kontaktaufnahme mit Eltern, die Betreuung suchen
4. Die Übernahme sämtlicher Versicherungen, die die Tagespflegeperson zum Wohle des Kindes abschließen muss, und in der Krankenversicherung die Erhöhung der Mindestbemessung auf ursprünglich wenigstens 1863 €.
5. Die Erhöhung der Betriebskostenpauschale auf wenigstens 400-500 € bei Ganztagsbetreuung
6. Keine Rückzahlungen an öffentliche Kassen, es sei denn, die Tagespflegeperson fällt über einen längeren Zeitraum aus. Sollten Kinder aus krankheits- oder Urlaubsgründen nicht erscheinen, ist das kein Grund, Geld von der Tagesmutter zurückzufordern, da dies in Krippen oder Kindergärten auch nicht der Fall ist. Eine Angleichung an solche Einrichtungen sollte erfolgen. Außerdem hat die Tagesmutter diesen Platz trotz Nichterscheinens des Kindes freigehalten und wäre auch bereit gewesen, das Kind zu betreuen.
7. Eine Bereitstellung einer passenden Arbeitslosenversicherung inklusive anteiliger Kostenübernahme der öffentlichen Träger bzw. ein Überbrückungsgeld, für den Fall, dass durch mangelnde Nachfrage eine Tagespflegeperson trotz intensiver Suche über einen geringen Zeitraum keine Tageskinder betreuen kann, aber auf laufende Kosten durch häusliche Umstände angewiesen ist.
8. Es muss gewährleistet sein, dass bei Eintritt in die private Krankenversicherung im Fall einer Nichtbetreuung durch mangelnde Nachfrage die Übernahme der Kosten dennoch zur Hälfte von den öffentlichen Trägern übernommen wird, bzw. ein Aussetzen in der Versicherung für den Zeitraum der Nichtbetreuung genehmigt wird.
9. Die Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu anderen Tagespflegepersonen durch das Jugendamt zum beruflichen Austausch bzw. im Sinne der gegenseitigen Hilfestellung.

Wir betonen, dass wir mit der neuen Gesetzeslage grundsätzlich einverstanden sind, jedoch müssen einige Randpunkte noch geklärt werden, die den einzelnen Ländern freigestellt wurden und zum Teil gravierende Lücken aufweisen bzw. für TPPs nicht zufriedenstellend gehandhabt werden.

Daher würde es uns sehr freuen, wenn hier umgehend gehandelt wird und wir bis zum Beginn des neuen Jahres eine positive und im Sinne aller Tagespflegepersonen, günstige und für alle anwendbare NEUREGELUNG finden können.

Wir bitten deshalb um schnelle Bearbeitung!

Mit freundlichen Grüßen

Maren Doschke und Alexandra Wenske (in Vertretung für sämtliche Tagespflegepersonen in Wolfenbüttel und Umgebung).

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Dieses Schreiben erhält Jörg Röhmann (Landrat Wolfenbüttel), Waldemar Herder (Jugendamtsleiter Wolfenbüttel) Frank Oesterhelweg (Landtag Wolfenbüttel), Christian Wulff (Ministerpräsident Niedersachsen), das Landesministerium für Familie und Soziales Niedersachsen, Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und der Petitionsausschuss im Deutschen Bundestag in Berlin und dem niedersächsischen Landtag.